Sonntag, 24. Februar 2019
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Morton Rhue: Dschihad Online (2017), 978-3-473-58513-7

Aufstehen gegen Kriege aller Art

Immer wieder ziehen Jugendliche, die in Europa oder den USA aufgewachsen sind, in den Dschihad. Warum lassen sie sich von islamistischen Hasspredigern locken? Wie nur gelangen sie so leicht zu einer allumfassenden, zutiefst zerstörerischen Gewaltbereitschaft?

Bereits in seinem Jugendbuch-Klassiker Die Welle (1984) hat sich Todd Strasser alias Morton Rhue eindringlich mit der Verführungskraft einer radikalen Ideologie beschäftigt. In seinem aktuellen Jugendroman Dschihad Online widmet er sich nun dem brisanten Thema der islamistischen Radikalisierung.

 

Khalil ist 16 Jahre alt, Muslim, in den USA geboren und aufgewachsen. Er sieht als ausgezeichneter Schüler eine Collegeausbildung und eine gute Karriere vor sich. Das Problem aber: Die Eltern, einst aus Srebrenica in die USA geflohen, sind inzwischen aus familiären Gründen nach Bosnien zurückgekehrt; Khalil und sein etwas älterer Bruder Amir sollen das erfolgversprechende Leben in den USA eigenständig fortführen. Nur sieht die Realität völlig anders aus: Amir ist inzwischen in die Kleinkriminalität abgerutscht und hat dadurch seine Aufenthaltsgenehmigung verloren. Khalil selbst schwänzt die Schule. Die Brüder, immer auf der Flucht vor Entdeckung, leben nur noch nach außen hin ein halbwegs geregeltes Leben. Vor den Eltern verbergen sie die missliche Situation, und Khalil lässt auch seinen besten Freund Vitaly und seine Freundin Angie im Dunkeln.

Amir, der sich mehr und mehr als wütendes Opfer einer ihm feindlich gesonnenen Gesellschaft sieht, gerät zunehmend unter den starken Einfluss von islamistischen Hasspredigern. Immer wieder schaut er Gewaltvideos an. Khalil, der eigentlich klar denkt, jedoch unverbrüchlich zu seinem Bruder aufschaut, zieht er auch immer stärker in seine dunkle Welt hinein. Unmerklich verändert sich Khalils Denken, auch er findet Gefallen an Gewaltdarstellungen und beginnt sogar einen Sinn darin zu sehen, selbst Gewalt anzuwenden, um Bedeutsamkeit zu erlangen, um als Muslim nicht länger der Underdog zu sein.

 

Morton Rhue schildert aus Khalils Sicht lebendig, anschaulich, zügig und nachvollziehbar, wie sich sein Wandel, seine Radikalisierung vollzieht. Wir verfolgen Khalils Gedanken mit nachdenklichem Interesse und auch wachsender Bestürzung. Gleichsam im Zeitraffer erzählt, rutschen die durchaus unterschiedlichen Brüder erschreckend schnell ab in die scheinbar unausweichlichen Zwänge des Islamismus. Das wirkt sehr eindringlich, zumal Khalil immer wieder innehält und sich fragt: Bin ich Amerikaner oder nicht? Haben die Islamisten Recht oder nicht? Soll ich meinem großen Bruder vertrauen oder nicht? Bis zum Ende bleibt es spannend, wie Khalil sich entscheiden wird. Wird er tatsächlich zum Gewalttäter im Dienste des Dschihad?

Rhue selbst bezeichnet im Nachwort seinen Jugendroman als „Friedensappell“ und „Aufruf an meine amerikanischen Mitbürger, doch mal genauer hinzusehen, wie der Rest der Welt uns und unser Handeln wahrnimmt“. Er weist eindringlich darauf hin, dass es im (erklärten oder unerklärten) Krieg keine Gewinner gebe. „Solange Menschen sterben, gibt es nur Verlierer. Die eine Seite verliert nur mehr als die andere.“

Wenn auch der Schluss des Romans sehr plakativ daherkommt und nicht gänzlich überzeugt, dennoch eine klare Leseempfehlung (auch für Erwachsene), denn dieser thematisch hochinteressante, recht kurze Roman leistet eine Menge: Er ist in klarer, schnörkelloser Sprache geschrieben, er fesselt und informiert, der Ton ist authentisch – und vor allem: Rhue lässt nicht nur seinen Protagonisten, sondern auch den LeserInnen Platz zum Nachdenken, zum Zweifeln. (von Maike Bolduan)

   
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